Theaterzugänge zwischen analog und digital: Teil 2

Um Inspiration und Anregungen zu geben, wie lebensweltorientierte interdisziplinäre Praxis an der Schnittstelle Medien- und Theaterpädagogik aussehen kann, werden im Folgenden Beispiele aufgeführt.

von Karolina Kaczmarczyk und Lea Sophie Böhnke

Pen & Paper Rollenspiele 

Kinder haben eine ausgeprägte Fantasie und schlüpfen spielend leicht in neue Rollen. Fantasie und Kreativität sind wichtig, um künstlerisch-ästhetische Gestaltung und kreative Alltagslösungen zu fördern. Dies kann für die jeweiligen Personen wertvoll, befriedigend und identitätsstiftend sein. Besonders Rollenspiele eignen sich dafür, um Fantasie und Kreativität anzuregen. Kinder lernen dabei, in andere Rollen zu schlüpfen und gleichzeitig fühlen sie sich auch in ihre Mitspieler*innen ein und erlernen die Perspektivübernahme. 

Bei Pen & Paper Rollenspielen nehmen die Mitwirkenden fiktive Rollen ein und erleben gemeinsam durch Erzählen ein Abenteuer. Als Hauptspielmittel werden fast immer die namensgebenden Stifte und Papier eingesetzt, um die dargestellten Rollen auf Charakterbögen zu beschreiben und Notizen zum Spielverlauf zu machen. Pen & Paper Rollenspiele sind besonders beliebt bei Gamer*innen jeden Alters. Gestaltet man jedoch die Geschichte, die Charaktere und das Spiel von Anfang an partizipativ mit den Kindern zusammen, kann dies ein niedrigschwelliger Einstieg sein, um einerseits Rollenspiele auszuprobieren und andererseits digitale Spielewelten für Kinder verständlich zu machen deren Interesse dafür anzuregen. Dabei ergibt sich eine natürliche Rollenverteilung, denn es gibt Kinder, die gerne anleiten und planen und welche, die eher schauspielern möchten. Der Inszenierung solcher Spielerunden sind keine Grenzen gesetzt. 

Social Media

Ob das spinksen in Social Media Accounts von Eltern oder Werbung von Influencer*innen – bereits in jungen Jahren sind Kinder konfrontiert mit Inhalten auf Social Media und der dazugehörigen Selbstdarstellung von Influencer*innen. Da gilt es anzusetzen und Bildkompetenz zu fördern. Bildkompetenz ist eine lebenslange Aufgabe, bei der Symbolsysteme decodiert werden müssen: Bilder werden rezipiert, analysiert und produziert. Wenn bereits früh damit angefangen wird, werden Kinder sicherer und kompetenter im Umgang mit Sozialen Medien. Wie zuvor gesagt, spielt die Selbstdarstellung auf Social Media eine große Rolle. Selbstdarstellung und -inszenierung ist etwas ganz natürliches und gehört zum Aufwachsen und der Identitätsfindung dazu. 

Der aktive Einsatz von Instagram, TikTok usw. fördert Medien- und Bildkompetenz und kann dabei helfen, Theater ins Digitale zu bringen und gleichzeitig das Theater mit digitalen Aspekten zu versehen. Das Thema Selbstdarstellung und -inszenierung kann und sollte dabei aufgegriffen werden, um sowohl die Chancen und Risiken zu beleuchten, als auch mit den Kindern partizipativ zu erarbeiten und zu untersuchen, was das Ganze mit Theater zu tun haben könnte. 

Tipp: Da TikTok und Instagram erst ab 13 Jahren freigegeben sind und erst Jugendliche ab 16 Jahren selbst bestimmen dürfen, was mit ihren Daten passiert, empfehlen wir den Einsatz eines professionellen einrichtungsgebundenen Accounts, der pädagogisch überwacht wird. Außerdem muss zuvor eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorliegen. 

Partizipation mit Tagtool

Mit der App Tagtool kann mit Fingern oder iPad Stiften gezeichnet werden. Die dabei entstandenen Kunstwerke können animiert werden. Die Grundversion der App ist kostenlos, kann aber für 19,99€ erweitert werden. Diese Erweiterung ermöglicht ein kollaboratives Arbeiten an einem gemeinsamen Kunstwerk, indem eine gemeinsame Malsession gestartet wird. Tagtool eignet sich im Theaterkontext dafür, Aufführungen zu erweitern. Schließt man das iPad mithilfe eines Adapters an einen Beamer, kann ein sogenanntes Livepainting stattfinden, d.h. Zuschauer*innen bekommen die Möglichkeit das, was sie auf der Bühne sehen, mithilfe ihrer eigenen Animationen und Zeichnungen live zu erweitern. Gleichzeitig können die Schauspieler*innen aktiv darauf reagieren. Der Begriff der Bühne und des Aufführungsraums kann mithilfe von Tagtool dekonstruiert und erweitert werden, indem z.B. auf der Straße Theater gespielt und Häuserwände digital bemalt werden. So ergibt es eine ganz besondere Dynamik und Partizipation.

Videobeispiele: 

Tonhalle Düsseldorf – Ignition „In 80 Minuten um die Welt“

TAGTOOL ON TOUR • dotdotdot 2017

Greenscreen-Arbeit mit Green Screen by Do Ink

Green Screen by Do Ink ist eine App für iOS, welche 4,99€ kostet und zusammen mit einem Greenscreen fantasievolle Fotos, Videos und Animationen verwirklichen kann. Die Nutzung der App ermöglicht einerseits klassische Bühnen und Auftrittsorte zu erweitern, indem die Produktionen zu Requisiten werden. Andererseits eben diese Bühnen nach Hause zu bringen, indem sie z.B. nachgestellt werden. 

Musik komponieren mit Launchpad und Loopimal

Die Apps Launchpad und Loopimal sind ein Baukasten voller Animationen und Sounds und bieten erste Schritte in die Welt des Sequencings. Die kostenlose App Launchpad ist für ältere Kinder und Jugendliche geeignet, da diese wesentlich komplexer ist. Loopimal kostet 3,99€. Mit intuitiven Gesten können die Kinder spielerische Sequenzen für verschiedene Tiere erstellen. Die Inhalte basieren dabei auf melodischen und rhythmischen Modulen. Bei Theaterstücken, Performances und Inszenierungen, die Musik beinhalten, können Kinder entweder erprobte Kompositionen während des Auftritts musizieren oder sogar live komponieren. 

Musik inszenieren mit Makey Makey

Ein Makey Makey ist eine Schnittstelle, über die man eigene Sensoren bauen und diese z.B. als Tasten eines Musikinstruments verwenden kann. Dazu lassen sich elektrisch leitfähige Gegenstände an das Makey Makey anschließen und so als Klavier-Tastatur verwenden. Auch im Theaterkontext findet Makey Makey seinen Platz. Leitende Objekte für Makey Makey können Kinder in ihrer Umgebung suchen und erforschen, ob diese tatsächlich leiten. So können z.B. Bananen oder Blumen dafür genutzt werden, um am PC z.B. digitale Klaviere zu bespielen. Auch hier können Kinder sich passend zu Theaterstücken musikalisch ausleben. Die Kosten für ein Makey Makey Kit beginnen ab 50$. 

Videobeispiel: 

MaKey MaKey Music Examples

Wie die Profis: Game-Theater mit machina eX

machina eX forscht seit 2010 an der Schnittstelle von Theater und Computerspiel. Das siebenköpfige Medientheaterkollektiv produziert partizipatives Game-Theater, indem es moderne Technologien mit Mitteln des klassischen Illusionstheaters kombiniert und so immersive, spielbare Theaterstücke, die zugleich begehbare Computerspiele sind, schafft. 

Das aktuellste Projekt ist Layers of Life (2021). In einem verlassenen Wohnwagen, der dem neuen Game von machina eX als Spielort dient, begeben sich bis zu vier Spieler*innen auf eine Zeitreise in die frühen 1990er Jahre. Gemeinsam verbinden sie verborgene Spuren und fügen auseinandergerissene Perspektiven wieder zusammen. Schicht für Schicht legen die Besucher*innen so die fiktionale Biografie einer ambivalenten Figur frei, die in die Abwicklung des DDR-“Volkseigentums” durch die Treuhandanstalt involviert war. 

adaptor:ex & dingsda 2meX sind Teil der MACHINA COMMONS, die das Game-Theater-Kollektiv machina eX 2021/22 im Förderprogramm „Digitale Entwicklung im Kulturbereich“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa entwickelt hat. dingsda 2mex und adaptor:ex sind kostenlose Tools, die die Vernetzung zwischen digitalen und analogen Schnittstellen in multimedialen Projekten erleichtern sollen. Die Tools dienen dabei der Erweiterung bestehender Projekte, indem interaktive Performances, Theater-Games, Installationen, Chatbot-Adventure oder Bonus-Level kreiert werden. 

Ästhetik des Digitalen 

Wie bereits zuvor beschrieben, wachsen Kinder mit Social Media und digitalen Medien auf, die – wie auch andere Medien – eine gewisse Ästhetik mit sich bringen. Besonders Plattformen wie TikTok oder Instagram prägen heutzutage unseren Sinn für Ästhetik, Design und Gestaltung und das nicht nur auf der Ebene von Videos oder Fotos, sondern auch die Art, wie z.B. auf Fotos geposed wird oder wie Texte verfasst werden. 

Auf Social Media geht es schnell und “schön” daher: Instagram Reels sind meist eine Sammlung von schnell wechselnden und aneinander gereihten Bildern oder Videos, Beiträge bestehen mittlerweile aus hochqualitativen und entsprechend auch sehr bearbeiteten Fotos, auf Storys sieht man fast ausschließlich Filter, die teilweise das komplette Erscheinungsbild “perfektionieren”, und auf TikTok trenden fast jeden Tag neue Choreographien. Diese Schnelllebigkeit und der Drang nach Perfektion kann nicht nur zur Reizüberflutung führen, sondern auch von Anfang an und trotz Bewegungen, wie der Body Positivity-Bewegung, zur Verunsicherung oder gar Komplexen bei Kindern führen. Daher gilt es dem vorzubeugen. 

Theaterpädagogische Methoden sind eine gute Möglichkeit, wie die Ästhetik des Digitalen szenisch eingesetzt oder sogar ins Absurdum geführt werden kann. Sich aktiv damit auseinanderzusetzen, wie es z.B. wäre, wenn Menschen auch analog ständig einen Filter auf dem Gesicht tragen würden, wie überfordernd es teilweise wäre, wenn Theaterszenen so kurz wären wie Sequenzen aus TikTok Videos oder wie man damit umgehen würde, wenn auch im analogen Raum ständig jemand das Aussehen kommentieren oder liken würde. Des Weiteren ist auch die Schnittstelle zwischen Körperlichkeit und Technik interessant. Wenn Menschen ihre Smartphones in der Hand halten, nehmen sie eine gewissen Pose ein. Der Körper wird durch das Smartphone erweitert. Genauso wie durch Gesundheitstracker oder sogar Perioden-Apps. Performative Zugänge bieten wie kaum eine andere Methode die Möglichkeit, genau diese Aspekte aktiv zu erproben und den eigenen Körper und die Bedeutung von digitaler Ästhetik und Technik zu erforschen. 

Anmerkungen

Der Artikel ist als Teil einer Materialsammlung im Rahmen einer Kooperation zwischen der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW, dem Kultursekretariat NRW Gütersloh sowie dem NRW KULTURsekretariat im Projekt Kulturstrolche entstanden. Hierbei handelt es sich um den zweiten Teil.

Bildquelle Teaser