Theaterzugänge zwischen analog und digital: Teil 1

Die Digitalisierung hat großen Einfluss auf Menschen, Kulturpraktiken, den Bildungsbedarf und Bildungsmöglichkeiten – Gleichzeitig schafft sie neue Möglichkeiten für zivilgesellschaftliche Beteiligung.

von Karolina Kaczmarczyk und Lea Sophie Böhnke

Während die Digitalisierung sich auf den technologischen Aspekt bezieht und die Schaffung einer Infrastruktur, App usw. im Fokus hat, füllt die Digitalität die Digitalisierung mit kulturellen Aspekten, Sprache, Verhandlungsformen, Kunst, Sozialer Interaktion, Teilhabe, Meinung usw. Die Kulturelle Bildung ist demnach maßgeblich dafür verantwortlich, Digitalität zu formen und diese gleichzeitig in Methoden und Angeboten aufzugreifen und zu thematisieren. 

Auch das Theater verändert sich. Spätestens seit der Corona-Pandemie ist klar: auch das Theater muss sich anpassen, um weiterhin Publikum zu erreichen. Doch auch schon vorher waren Medien und damit die Digitalität entweder Thema von Theaterstücken oder führten dazu, dass neue Theaterzugänge geschaffen wurden. Prof. Dr. Judith Ackermann spricht nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive über den Einsatz von TikTok im Kontext Theater, sondern ist dort selbst aktiv, indem sie die Schnittstellen zwischen Schauspiel und Wissensvermittlung erforscht bzw. performed. TikTok ist in den Lebenswelten vieler junger Menschen sehr beliebt und bietet einen niedrigschwelligen Zugang dazu, Schauspiel, Performance und Tanz für sich zu erforschen, Auftritte in einen neuen Kontext zu setzen und herauszufinden, was es bedeutet, mit dem Publikum zu interagieren. Die Akademie für_Theater_und_Digitalität schaut auf die Veränderung, welche die Digitalität für das Theater, die Theaterschaffenden, die Narrativen und Themen des Theaters mit sich bringt. Das Tourneetheater Comic On! bringt nicht nur Theater dorthin, wo Kinder und Jugendliche sind, sondern arbeitet in den jeweiligen Theaterstücken mit Themen, die junge Menschen direkt betreffen. Dazu gehören Stücke z.B. zum Thema Cybermobbing, Persönlichkeitsentwicklung in und mit Sozialen Medien oder Fake News. 

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was im Rahmen der Digitalität und mit ihr im Kontext Theater und Theaterpädagogik möglich ist. Im Folgenden wird die Relevanz neuer Theaterzugänge geschildert, sowie methodische Anregungen und Tipps gegeben, wie diese selbstständig geschaffen werden können. 

Relevanz

Interdisziplinarität ist eine Voraussetzung, um neue Theaterzugänge zu schaffen. “Unter Interdisziplinarität verstehe ich das Zusammenwirken unterschiedlicher Fachbereiche bei der Lösung ein- und desselben Problems. Das ist so zu verstehen, dass die Fachbereiche unterschiedliche Beiträge zur Lösung des Problems liefern, die aber so voneinander abhängig sind, dass sie der wechselseitigen Abstimmung bedürfen” (Arnold, 2014, S. 154). Lebensweltorientierte interdisziplinäre Angebote an den Schnittstellen der Medien- und Theaterpädagogik bieten Raum für gemeinsames Lernen und Forschen in analogen und digitalen Welten und ermöglichen Kindern, mithilfe von (medien-)künstlerischen Prozessen sich selbst und die Welt zu entdecken und zu reflektieren sowie sie mitzugestalten. Die verstärkte Zusammenarbeit der Disziplinen mit ihren spezifischen Methoden und Zugängen ermöglichen Teilhabe, Partizipation und fördern den Zugang zu Kunst und Kultur sowie die Medienkompetenz. 

Im Mittelpunkt stehen dabei Ästhetische Erfahrungen, die es Kindern ermöglichen zu spielen und zu forschen. Ästhetische Erfahrungen initiieren Lernprozesse, in denen der Körper, die Sinne, das Staunen, das Denken, der Genuss und das spielerische Ausprobieren miteinander verbunden sind. Sie sind der Ausgangspunkt von kreativem Denken, Handeln und Lernen (vgl. Brandstätter 2013/2012). Das Theater bietet experimentelle Räume, in den einerseits der spielende Mensch Expert*in der eigenen Lebenswelt wird (vgl. Taub 2013/2012) und andererseits Ästhetische Erfahrungen ermöglicht werden. Das Theaterspielen bietet Lernmöglichkeiten an, die von Gestaltungs-­ und Präsentationserfahrung, über Selbst-­, Fremd-­ und Differenzerfahrung, Wahrnehmungs-­, bis hin zur Ausdrucksschulung reichen (vgl. Sting 2017). 

Das Digitale und Mediale kann und sollte dabei genutzt werden, um die Lebenswelten von Kindern aufzugreifen. Denn die aktuellste KIM- und JIM-Studien zeigen deutlich, dass Kinder und Jugendliche nicht nur von Haus aus bestens mit Technik ausgestattet sind, sondern diese auch für ihre Freizeitaktivitäten nutzen. Wenn nun Hans Thierschs Definition der Lebensweltorientierung angebracht wird, welche besagt, dass Menschen so unterstützt werden müssen, dass sie nach ihren Vorstellungen leben können, bedeutet das auch, dass Medien als Teil dieser akzeptiert und in Angeboten aufgegriffen werden sollten. Die Lebensweltorientierung ist demnach der erste Schritt, um Angebote zu schaffen, die sich an der Schnittstelle zwischen Medienpädagogik und Theaterpädagogik bewegen. Der zweite Schritt ist der Einsatz von Technologien und Medien als Erweiterung des analogen, performativen Handelns. Der dritte Schritt ist das Aufgreifen der Ästhetik des Digitalen (u.a. vgl. Traulsen & Büchner 2022). Im zweiten Teil des Artikels sind dazu Beispiele zu finden. 

Der erste Teil der Beitragsreihe „Theaterzugänge zwischen analog und digital“ hat deutlich gemacht, dass interdisziplinäre Angebote an der Schnittstelle zwischen Medien- und Theaterpädagogik großes Potenzial bieten, um neue Theaterzugänge zu schaffen. Im Fokus solcher Zugänge stehen dabei (mediengestützte) Ästhetische Erfahrungen, die durch den experimentellen Kontext des Theaters zum Ausprobieren, Forschen und Staunen einladen. Die Lebenswelten von bereits jungen Kindern sind durchzogen von Medien und der entsprechenden Ästhetik, daher gilt es dort anzusetzen und Tools und Technik so einzusetzen, dass Medienkompetenz und Bildkompetenz gefördert wird; aber auch der Raum geschaffen wird, sich selbst und die (digitale) Welt zu entdecken, in Rollen zu schlüpfen, neue künstlerisch-ästhetische und performative Ausdrucksweisen zu erlernen und das ganz persönliche Erlebnisse und Erfahrungen szenisch zum Ausdruck zu bringen. Bereits etablierte Methoden, wie das Objekttheater oder das Forschende Theater, können durch digitale Medien und interdisziplinäre Zugänge erweitert werden und ermöglichen eine Vielfalt an neuen Ideen. Doch das Wichtigste: egal ob mit tierisch guter Musik, Spielcharakteren oder Instafiltern – Theater ist dafür da, um auszuprobieren und sich selbst und andere neu zu erleben. Und das geht dann, wenn kreative Möglichkeitsräume eröffnet werden. Daher: Traut euch! 

Anmerkungen

Der Artikel ist als Teil einer Materialsammlung im Rahmen einer Kooperation zwischen der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW, dem Kultursekretariat NRW Gütersloh sowie dem NRW KULTURsekretariat im Projekt Kulturstrolche entstanden. Hierbei handelt es sich um den ersten Teil.

Literatur: 

Arnold, R., Nolda, S., & Nuissl, E. (Hrsg.). (2010). Wörterbuch Erwachsenenbildung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. 
Gerd Taube. (2013/2012): Theater und Kulturelle Bildung
Hans Thiersch. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Konzepte und Kontext, Weinheim/München: Juventa Verlag GmbH.
Sören Jannik Traulsen & Felix Büchner. (2022): Postdigitales Schultheater: Eine Kartografie zentraler Akteur*innen des Diskurses ‹Theater und Digitalität›.
Ursula Brandstätter. (2013/2012): Ästhetische Erfahrung. 

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