Digitale Performances, Artivismus, Memes: Post-Internet-Art als Chance für lebensweltorientierten künstlerisch-ästhetischen Ausdruck

Was passiert mit Inhalten, die im Internet veröffentlicht wurden? Wenn das Smartphone ausgeschaltet ist? Was passiert NACH dem Internet? Und was hat das mit Kunst zu tun? Post-Internet-Art beschäftigt sich unter anderem mit diesen Fragen und schafft dadurch einen ganz neuen Zugang zur Kunst, der vor allem der Kinder- und Jugendarbeit zu Gute kommen kann. 

von Karolina Kaczmarczyk

Marisa Olson, die Mitbegründerin der Post-Internet-Art beschreibt Post-Internet als “(…) a moment, a condition, a property, and a quality that encompasses and transcends new media” (Olson  2011, 60). Post-Internet ist demnach etwas, was zugleich ungreifbar und allgegenwärtig ist, online und offline stattfinden kann, Menschen in ihrem Handeln und ihrer Ästhetik beeinflusst und sie dazu bringt, das Internet zu zelebrieren und gleichzeitig kritisch-reflexiv zu hinterfragen (vgl. ebd.). 

Die seit der Mitte der 2000er als aktuellste Strömung der Netzkunst konstatierte Post-Internet-Art, spiegelt sowohl inhaltlich als auch ästhetisch das Internet wider (vgl. Mutlu 2015, 8). Künstler*innen, die dieser künstlerischen Position zuzuordnen sind, agieren und kreieren meist gesellschaftlich sowie politisch kritisch, indem sie die Sprache, die Posen, die Themen und Attitüde der im Internet Handelnden genauestens beobachten (vgl. ebd., 12) und diese in ihren eigenen Arbeiten selbstironisch und überspitzt oder ernsthaftig und nachahmend reproduzieren. Neben der Inhalte spiegeln die Werke von Netzkünstler*innen auch die physische Ebene der Mediennutzung wider: unser analoger Körper steht im direkten Verhältnis zu den verwendeten Medien, indem er sich an die Position des Bildschirm anpasst (vgl. Monteiro 2018, 5), während gleichzeitig der virtuelle Körper immer online ist (vgl. Mutlu 2015, 12) und damit einen fließenden Übergang zum Analogen bildet. Post-Internet-Artists passen demnach den Modus ihres Denkens (vgl. Archey, Peckham 2014, 8) und Schaffens an das Internet an. Dies führt dazu, dass digitale Inhalte dynamisch werden und zirkulieren, indem Fotos oder Videos in neuen Beiträgen immer wieder neu kontextualisiert werden (vgl. ebd., 9). Diese Zirkulation ist stark an die Vernetzung und Vermarktung gebunden. Wer Inhalte teilt, wird selbst geteilt. Darüber hinaus ist die Zirkulation eines der wichtigsten Werkzeuge im Internet: Bilder und Videos werden z.B. in Memes umgewandelt und ständig in neue Kontexte gesetzt. Immer online und ständig informiert zu sein und digitale Trends zu verfolgen, impliziert auch einen dynamischen Wandel der Kunst. Doch was online passiert, bleibt schon lange nicht mehr nur da. Virtuell aktiv zu sein und dort zu schaffen, Post-Internet-Artist zu sein, bedeutet nicht mehr einen Spagat zwischen analog und digital zu schaffen, sondern beide Kontexte als gleichwertig zu behandeln (vgl. ebd., 2018, 11). 

Ein Beispiel für diese Verzahnung bietet Instagram. Bedingt durch die Influencer*innenkultur bzw. Professionalisierung der Instagramnutzer*innen fällt deutlich auf, dass von der ursprünglichen Idee, Instagram als Plattform für Polaroid-ähnliche Schnappschüsse zu verwenden, wenig übrig geblieben ist. Instagram Beiträge unterliegen visueller Narrativen, die Farbschemata der Filter werden regelmäßig gewechselt, die Sprache wird angeglichen und zur Partizipation aufgerufen. Instagram Feeds werden demnach im weitesten Sinne kuratiert. Folglich kuratieren nicht mehr nur Künstler*innen ihre Werke, sondern auch Instagramer*innen, die so ihre Reichweite vergrößern möchten. Doch inmitten dieser Beiträge sind auch welche zu finden, die Post-Internet-Artists zuzuordnen sind und kuratierte Feeds inklusive digitaler Performances bieten. Instagram wird zum Ausstellungsraum, in dem Kunst erlebbar wird, aber teils auch als solche unerkannt bleibt. Ein Beispiel bildet die Künstlerin Amalia Ulman, die durch ihre digitale Performance “Excellences and Perfections” bekannt wurde. In mehreren Akten dokumentiert sie bereits 2014 über Monate hinweg die Entwicklung einer fiktiven jungen Frau, die in eine Großstadt gezogen ist und verschiedene Erfahrungen gesammelt und mit ihren Follower*innen geteilt hat. Bis zur Auflösung der Performance schöpften ihre Fans keinen Verdacht. Warum? Weil sie sich an die Regeln von Instagram gehalten hat. Sie verwendete typische Bildkompositionen wie schön angerichtete Avocadotoasts, zeigte regelmäßig ihre Kleidung und ihren gesellschaftlich als Norm empfundenen Körper in OOTDs (Outfit Posts), bearbeitete ihre Fotos mit Filtern, die zu dem Zeitpunkt im Trend lagen und orientierte sich an den sprachlichen Stilmitteln der Plattform. Sie war authentisch und verarbeitete in ihrer Performance Themen, mit denen Mädchen und Frauen täglich zu kämpfen haben: Körper, Sexualität und das Leben im Patriarchat mit dem damit verbundenen Sozialstatus. Sie spielte demnach mit der Macht der Bilder, aber auch mit der Macht von Instagram als Kontext der Kunst. 

Digitale Räume als Orte der performativen Kuration zu nutzen, bieten im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit die konstruktivistischen Ansätzen unterliegt (vgl. Süss et al. 2018, 170f), die Chance, Möglichkeitsräume zu eröffnen, in denen junge Menschen digitale Medien als künstlerische Ausdrucksmittel anwenden. Einerseits in fiktive Identitäten zu schlüpfen, diese zu performen, zu gestalten anzupassen und andererseits die dazugehörigen Stilmittel und Ästhetiken in audiovisuellen Produktionen umzusetzen und diese anschließend zu kuratieren, führt dazu, dass Kinder und Jugendliche spielerisch auf die Suche nach ihrer eigenen Identität gehen und sich gleichzeitig künstlerisch-ästhetische und mediale Kompetenzen aneignen. Abseits von Leistungsdruck können Grenzen ausgelotet, Wissen aktiv und performativ erworben (vgl. Pfeiffer 2013/2012) und die Digitalität dafür genutzt werden, ihre eigenen Lebenswelten zu hinterfragen sowie diese künstlerisch-ästhetisch zu verarbeiten.

Quellen:

Archey, Karen und Robin Peckham. 2014. «Art Post Internet: Information / Data». Ausstellungskatalog für die Ausstellung Art Post Internet im Ullens Center for Contemporary Art in Beijing.

Mutlu, Rasit. 2015. Art, Internet, Post-Internet: Between Theory and Practice. Westminster: University of Westminster.

Olson, Marisa. 2011. «POSTINTERNET – Art After the Internet.» In Foam Magazine #29: What’s Next?, 59-63. Amsterdam: Foam Magazine.

Pfeiffer,Malte. 2013/2012. Performativität und Kulturelle Bildung. Zugriff 22.05.2021. https://www.kubi-online.de/artikel/performativitaet-kulturelle-bildung

Süss, Daniel/LampertClaudia/Trültzsch-Wijnen, ChristineW. (2018): Medienpädagogik – Ein Studienbuch zur Einführung(3. Auflage). Wiesbaden: Springer FachmedienWiesbaden GmbH.

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