Digitalität. Kultur. Medien. Ein Neuanbau für die Kulturelle Bildung 

In den letzten zwei Jahren wurde die Kulturelle Bildung durch Schließungen von Kultureinrichtungen und wegfallende Präsenzangebote ordentlich durcheinander gewürfelt – das ist nicht zu leugnen.

von Christin Feldmann

In Corona hat die Branche, um einleitend eine Analogie zu nutzen, unter einer Kultur der Auflösung gelitten. Nicht nur, dass die Zugänge zu Bildungsangeboten abseits von Schule für Kinder und Jugendliche weggebrochen sind, fällt es nun in einer sich veränderten Gesellschaft schwer, Kultur und kreative Lernorte überhaupt noch in ihrer Notwendigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung zu rechtfertigen.

Kulturelle Bildung – was ist das schon und wofür braucht man sie überhaupt? 

Mit zunehmenden digitalen Formaten und Zugängen, die uns in den letzten 2 Jahren das Weiterarbeiten ermöglicht und weitreichend vernetzt haben, stellt sich die Frage, inwiefern sich die Kulturelle Bildung auch in der Digitalisierung verortet – bzw. verorten muss – und wie man gerade den Bildungsauftrag der Kulturellen Bildung auch mit Online- oder Hybrid-Formaten gewährleisten und anreichern kann. Kultur online geht das eigentlich? Sind künstlerische Zugänge online das gleiche haptische, taktile Happening wie ein Präsenzerlebnis? Wo und in welcher Form kann man kulturelle Bildungsformate entwickeln, wenn der Face-to-Face-Kontakt wegfällt und gleichzeitig immer wieder als bestimmender Aspekt der Kulturellen Bildung hervorgehoben wird? 

Bezugnehmend auf die Kinder- und Jugendarbeit in Corona (und auch schon vorher) wird natürlich der Ruf nach digitalen Bildungsinhalten auch in der Kulturellen Bildung lauter. In der Ursachenforschung offenbart sich der konkrete Wunsch: Zwischen Homeschooling und geschlossenen Jugendeinrichtungen nicht nur Bildung zu konsumieren, sondern Lebenswelten zu resümieren, zu reflektieren und neu anzupassen. Wo? Im Netz – dort wo sich die Zielgruppe aufhält. Was für eine Chance für die Kulturelle Bildung!? Oder nicht? 

Kulturelle Bildung ist so kreativ und interdisziplinär wie kaum ein anderes Arbeitsfeld. Unter dem Dachbegriff der Kulturellen Bildung verbergen sich viele Akteur*innen und Bereiche, zu denen auch die  Medienpädagogik als große und wichtige Disziplin dazugehört bzw. dazu gehören sollte. Die Medienpädagogik hat das gleiche Ziel wie die Kulturelle Bildung: Teilhabe ermöglichen, demokratische Werte sowie Kompetenzen vermitteln, mithilfe derer die Reflexion mit und durch Medien gefördert wird. Menschen sollen dazu ermächtig werden, kreativ und selbstbestimmt in die Welt hinaus zu gehen. Zweifel, die oft laut werden, wenn der Begriff Medienpädagogik fällt: Verbergen sich darunter nicht zahlreiche, teils verworrene, abstrakte Themen, die bei einer ungeschulten Fachkraft erstmal für Angst vor der Materie sorgen? Ja, denn es geht um Begrifflichkeiten, wie Algorithmen, KI, über Games, bis hin zu Robotik, die auf verschiedene Art und Weise miteinander zu tun haben, kreativ und selbststeuernd sind. So abstrakt diese Themen allerdings sind, finden sich hier Anknüpfungspunkte zur Kulturellen Bildung. Nur durch den Zusammenschluss Vieler können all diese Themen bedient werden, denn die Schnittstelle der diversen Unterbereiche gemeinsam zu denken und zu gestalten, das ist der Kulturellen Bildung und der Medienpädagogik gleich wichtig. In der Praxis gibt es nie eindeutig das eine Kulturelle Bildungsangebot, so wenig wie das eine Medienangebot, welches für alle Kontexte von Musikschule, bis zur Jugendkunstschule anzuwenden ist. Bildung ist immer ein Aushandlungsprozess, ist Haltungsentwicklung, geht vor und drei Schritte zurück, um dann erst zu einem vorläufigen Ergebnis zu kommen. 

Die Frage, die sich im Hinblick auf die nicht zu leugnende Krise unserer Branche in den letzten zwei Coronajahren stellt:

Was haben wir als Akteur*innen in der Kulturellen Bildung in diesem neu angepassten Umfeld der letzten Jahren erreicht?

  1. Wir haben erreicht, dass die Schnittstelle zwischen Medienpädagogik und Kultureller Bildung sichtbarer wird, weil gerade in dem Zusammenschluss unendliche Möglichkeiten zu Teilhabeprozessen liegen. Da wir auf einmal fast gezwungen waren, uns im digitalen Raum aufzuhalten, mussten sich alle  Kulturschaffenden der Kulturellen Bildung und darüber hinaus (zwangsläufig) mit neuen Raumkonzepten beschäftigen: den digitalen Räumen. Auch das ist nicht neu. Der Raum als Konstrukt – als Überbau der kulturellen Bildungsarbeit – spielt immer eine tragende Rolle: der Raum als Bühne und als Gestaltungsmedium ist Teil der Didaktik Kultureller Bildung.
  2. Der Begriff der Digitalität hat sich mit dem Beginn der Coronakrise enorm erweitert und ausgedehnt, hat neue Verzweigungen und Äste bekommen. Neue Ideen kamen auf, neue digitale Angebote wurden geschaffen, die bestehende Konzepte in den neuen digitalen Räumen zu transportieren versuchten. Daraus erwuchs eine digitale oder auch hybride kulturelle Bildungsvermittlung, die sich mit der Schnittstelle von Medienpädagogik und Kultureller Bildung gezielt und bewusst auseinandersetzt.
  3. Viele Menschen haben sich auf den Weg gemacht, Angebote aus der kreativen Medienarbeit für ihren Bildungskontext entwickelt und sich die Frage gestellt, was wollen wir eigentlich in digitalen Räumen erreichen und wie schaffen wir hybride Formate, die nach wie vor den Grundgedanken der Kulturellen Bildung vertreten und Teilhabe schaffen, unabhängig von holprigen Rahmenbedingungen.    

Was also ist der Kulturellen Bildung in den letzten zwei Jahren gelungen? Die Verhandlung und Neuausrichtung einer Bildungsbranche weit entfernt vom Krisenmodus, hin zu einer anpassungsfähigen Kultur des Digitalen. Der Deutsche Kulturrat schickte am 30.12.2021 in seinem Newsletter den Appell, Kulturorte als Lernorte zu behandeln. Das Netz und die Räume der Digitalisierung sind Kulturräume und gleichzeitig Lernorte, die neu verhandelt, gefüllt und erforscht werden sollten. Gerade in den letzten zwei Jahren ist neben der Löschung der Kulturellen Bildung auch Wegweisendes gelungen: einen Neuanbau an traditionelle Räume. Der Grundstein des Neuanbaus bedient sich alter Ideen: die gesellschaftliche und persönliche Entwicklung eines Menschen schöpferisch und kreativ zu fördern.

Das Projekt participART setzt darum an dieser Schnittstelle zur digitalen Transformation an und schafft damit neue Verhandlungsräume, Praxisformate und Vernetzungchancen, mit dem Ziel, möglichst vielen Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Prozesse und Aushandlungsformate, die zur gemeinsamen Gestaltung diesen Neuanbaus beitragen, sollen sichtbar gemacht werden. Sichtbar soll auch werden, dass dieser Neuanbau aus den Ideen und Händen Vieler entsteht. Die Basis des Projektes will vor allem eines: Anregen. Denn die Gestaltung der Digitalität im Rahmen der Begriffe Medien. Kunst. Pädagogik obliegt uns als Gesamtgesellschaft. Das Netz, die Digitalität – das sind wir: Fachkräfte, Künstler*innen und Kulturschaffende, wir als Kultur und wer, wenn nicht wir kann diese Begriffe mit kreativen Visionen pädagogisch füllen? Ob dann ein Medienkonzept, Angebot, hybrider Bildungsort mit VR, als Film, Theaterstück als Kryptokunstwerk, oder eine Performance gestaltet wird, nun – das ist dann lediglich nur noch rein ästhetische Gestaltung des Neuanbaus und damit kennt sich niemand besser als der Bereich der Kulturellen Bildung aus.